Royal Bunker

Azra

...oder ich war schon immer Untergrund

Zigarettenautomaten:
„Man setze den Tension Wrench am oberen Ende des Schlosses an. In Öffnungsrichtung drehen. Dann den Pick hineinstecken und mit viel Gefühl wieder herausziehen. Ein Zwei Wiederholungen und wenn man alles richtig gemacht hat, dann öffnet sich das Schloss.
Es gibt jetzt neuere Modelle, die haben eine Sperre drin, aber... das ist eigentlich auch kein Problem.“

Geboren wurde AZRA 1974 in Berlin, Kreuzberg und eigentlich war alles in Ordnung.
Bis zur Oberschule hatte er viele deutsche Freunde, die Schule machte Spaß und er war mit einem straighten 1er Durchschnitt einer der Klassenbesten.
Der Ärger begann erst als AZRA in einem anderen Stadtteil das Gymnasium besuchen wollte. Gleich am ersten Tag wurde er, so quasi zur Begrüßung, gefragt, ob er denn keine Schule für seinesgleichen in Kreuzberg gefunden hätte? Da war AZRA gerade mal 12 Jahre alt. Nicht unbedingt die beste Motivation.

Vielleicht ist es heute ja besser. Mitte der 80er Jahre aber gab es auf jeden Fall so etwas wie eine strukturelle Diskriminierung. „Du kannst kein Deutsch“, „Geh mal einen Sprachkurs besuchen“, „Thema verfehlt“, „6 setzen“, das kann einem schon die Lust an der Sache verderben. Vom Gymnasium wurde AZRA dann auf die Realschule versetzt, aber besser war das nicht. Die Rektorin war die Frau des Landesvorsitzenden der Republikaner, die Ende der 80er im Berliner Abgeordnetenhaus vertreten waren. AZRA hatte richtige Nazilehrer, die ihn ablehnten und zu Hause bekam er die berühmte türkische Gürtelerziehung, die wenig nach den Hintergründen und nur nach den Ergebnissen fragt. Wie auch immer, so richtig Spaß an der Schule war nicht mehr vorhanden: „Ich habe angefangen, zu Schwänzen und zu Kiffen. Die Strasse hat mich eingeholt“, erklärt AZRA. Und was sich leicht dramatisiert anhört endet tatsächlich in einer richtigen Kleinkriminellenkarriere: „Wir waren aber die Intelligenten und haben in Automaten investiert. Denn Gewalt ist keine Lösung. Für Automaten ist die Strafe geringer als für Gewaltverbrechen wie Raubüberfall. Und außerdem haben wir uns nicht erwischen lassen.“
Es ist unglaublich wie viel Geld man mit kleinen Tricks absahnen kann und die Motivation damit aufzuhören wird natürlich immer geringer. Trotz allem war dann eines Tages vom einen auf den anderen, Schluss. Der Traum war da. Eine Frau. Und AZRA suchte sich eine Arbeit und hörte auf zu kiffen. Seine Kumpels lachten über ihn. Er aber blieb sauber.

Außerdem war dann plötzlich Rap da. Eines Tages stand er im Zimmer und AZRA hieß in Willkommen: „Die Inspiration Rap zu machen, waren die Freak Brothers, die es heute nicht mehr gibt. Das war eine der ersten Crews, die auf Deutsch gerappt haben. Das waren Freunde aus meinem Kiez, mit denen ich zum Teil aufgewachsen bin. Für mich war aber von Anfang an klar, dass ich türkisch rappen muss und dass DJ Mik Baba mein Mann ist.“
Und das ist er bis heute. DJ Mik Baba vom FETTFLECK Team ist maßgeblich an den Produktionen von AZRA beteiligt und eröffnete ihm durch sein Studio auch die Möglichkeit aufzunehmen.

Einen anderen großen Einfluss hatte dann auch natürlich jene Crew, die Mitte der 90er in Berlin von sich reden machte, immer kurz vor dem Durchbruch stand aber irgendwie alles im letzten Moment verpeilte: „Irgendwann habe ich Boe B von Islamic Force kennengelernt, der auch davon überzeugt war, dass die Türken was zusammen machen sollten. Aber das ist alles nur bei Gequatsche geblieben. Na ja und irgendwann war es ja dann auch zu spät. Rest in Peace Boe B.” Struggle bis zum bitteren Ende.

Viel effektiver war die Zusammenarbeit mit FUAT Manzer, halb Mensch halb Panzer, von Ex. MOR. Er half AZRA bei seinen ersten Schritten im Game, nahm ihn mit zu Auftritten und war ein ständiger Ansporn. Die Resultate kann man auf diversen Veröffentlichungen von FUAT und Fettfleck hören.

Mittlerweile hat sich so einiges verändert in AZRAS Leben. Die Frau ging. Rap blieb. AZRA dem Verbrechen fern und seinen Freunden treu.
Jetzt kommt seine EP bei Royalbunker heraus und er findet das auch gut so.

„Vielleicht ist mein Zeug ja interessant? Vielleicht ja auch in der Türkei? Man wird sehen.“

Und vor allem hören.

...und hier auch sehen!

Veröffentlichungen:

Azrabesk EP (2002)

Eko & Azra "Dünya Dönüyar - Die Welt dreht sich" Album (2004)

Info-Special zum Album "Dünya Dönüyar - Die Welt dreht sich"

copyright 1998 - 2008 ROYALBUNKER impressum